Autismus und selektive Ernährung: Wie man das Nahrungsrepertoire erweitert
Die Ursachen der selektiven Ernährung verstehen und Ihr Kind schrittweise zu einer abwechslungsreicheren Ernährung begleiten
Die selektive Ernährung betrifft eine große Mehrheit der autistischen Kinder und stellt eine der Hauptsorgen der Eltern dar. Ein Kind, das nur wenige Lebensmittel isst, kategorisch alles Neue ablehnt und bestimmte Texturen nicht erträgt: Diese Situation verursacht Besorgnis über die Gesundheit des Kindes und Stress während der Mahlzeiten. Dennoch können angepasste Strategien schrittweise das Nahrungsrepertoire erweitern, indem sie die sensorischen Besonderheiten des Kindes respektieren.
Die selektive Ernährung verstehen
Die selektive Ernährung autistischer Kinder ist kein Laune, sondern die Folge neurologischer Besonderheiten. Die sensorischen Überempfindlichkeiten – taktil, geschmacklich, olfaktorisch – machen bestimmte Texturen, Geschmäcker oder Gerüche schwierig oder sogar unerträglich. Der Widerstand gegen Veränderungen und das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit führen dazu, dass man bei bekannten und sicheren Lebensmitteln bleibt. Schwierigkeiten bei der oralen Motorik können ebenfalls die Kaubewegungen bei bestimmten Lebensmitteln einschränken.
Weitere Faktoren können beitragen: vergangene oder gegenwärtige gastroösophageale Refluxkrankheiten, die das Essen mit Unbehagen verbinden, Schwierigkeiten bei der Interozeption (Wahrnehmung interner Hunger- oder Sättigungssignale) oder starre Rituale rund um das Essen (der gleiche Teller, die gleiche Präsentation, die gleiche Reihenfolge). Das Verständnis dieser Mechanismen verhindert, dass das Kind oder die Eltern sich schuldig fühlen, und weist auf geeignete Lösungen hin.
der autistischen Kinder zeigen eine selektive Ernährung
mehr restriktive Essverhalten als in der Allgemeinbevölkerung
Lebensmittel im Durchschnitt akzeptiert, statt 60-80 normalerweise
Die Manifestationen der Selektivität
Die selektive Ernährung kann verschiedene Formen annehmen. Einige Kinder akzeptieren nur spezifische Texturen: glatt (Pürees, Kompotte), knusprig (Chips, Kekse) oder weich (Toastbrot, überkochte Nudeln). Andere lehnen gemischte Lebensmittel ab und möchten die Elemente getrennt auf dem Teller. Die Farbe kann eine Rolle spielen: Einige Kinder essen nur weiße oder beige Lebensmittel. Die Temperatur, der Geruch oder die spezifische Marke eines Produkts können ebenfalls die Akzeptanz oder Ablehnung bestimmen.
Wann sollte man einen Fachmann konsultieren?
Die selektive Ernährung wird besorgniserregend, wenn sie das Wachstum des Kindes beeinträchtigt, zu Nährstoffmängeln führt oder ein sehr hohes Stressniveau während der Mahlzeiten erzeugt. In diesen Fällen wird eine spezialisierte Konsultation (Pädiater, auf Oralität spezialisierter Logopäde, Ernährungsberater) empfohlen. Eine Bewertung kann die genauen Ursachen identifizieren und die Begleitung lenken. Schwerwiegendere pädiatrische Essstörungen (ARFID) erfordern eine spezifische Behandlung.
Die Prinzipien einer schrittweisen Erweiterung
Nicht zwingen
Das erste, grundlegende Prinzip ist, das Kind niemals zum Essen zu zwingen. Zwang schafft negative Assoziationen mit dem Essen und erhöht den Widerstand. Er kann auch Erbrechen, intensivere Vermeidungsverhalten und eine allgemeine Angst rund um die Mahlzeiten hervorrufen. Das Ziel ist, dass das Kind eine positive Beziehung zur Nahrung entwickelt.
In kleinen Schritten vorgehen
Die Erweiterung des Nahrungsrepertoires erfolgt in sehr kleinen Schritten, die sich über Wochen oder sogar Monate erstrecken. Bevor ein neues Lebensmittel gegessen wird, muss das Kind es schrittweise kennenlernen: es im Umfeld sehen, riechen, berühren, an die Lippen führen, probieren und schließlich schlucken. Jeder Schritt wird validiert, bevor zum nächsten übergegangen wird. Geduld ist der Schlüssel.
Die Schritte der Nahrungsaufnahme
1. Die Anwesenheit tolerieren: das Lebensmittel liegt auf dem Tisch, weit weg vom Teller des Kindes. 2. Akzeptieren in der Nähe: das Lebensmittel ist nahe seinem Teller. 3. Berühren: das Kind akzeptiert, das Lebensmittel mit den Fingern zu berühren. 4. Riechen: das Lebensmittel an die Nase führen. 5. Berühren mit den Lippen: das Lebensmittel auf die Lippen legen. 6. Lecken: mit der Zungenspitze probieren. 7. In den Mund nehmen: ein kleines Stück in den Mund nehmen. 8. Kauen und schlucken: das Lebensmittel tatsächlich essen.
Von akzeptierten Lebensmitteln ausgehen
Neue Lebensmittel werden in Verbindung mit denen eingeführt, die das Kind bereits akzeptiert. Diese Technik des "Verknüpfens" schafft Brücken zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten. Wenn das Kind zum Beispiel Naturnudeln isst, kann man schrittweise einen Tropfen Sauce hinzufügen, dann ein wenig mehr. Wenn das Kind trockene Kekse isst, kann man Kekse in einer anderen Form anbieten, bevor man zu einer anderen Textur übergeht.
Praktische Strategien für die Mahlzeiten
Eine ruhige Umgebung schaffen
Die Atmosphäre während der Mahlzeit beeinflusst die Offenheit für Lebensmittel. Eine ruhige, vorhersehbare Umgebung ohne Druck fördert die Entspannung, die für die Erkundung notwendig ist. Übermäßige Ablenkungen (Fernsehen, Tablet) können das Kind von seinen Essensgefühlen ablenken. Ein regelmäßiger Rahmen (gleicher Ort, gleiche Uhrzeit, Rituale zu Beginn und Ende der Mahlzeit) gibt dem Kind Sicherheit.
Das Kind einbeziehen
Das Kind in die Zubereitung der Mahlzeiten einzubeziehen, kann sein Interesse an Lebensmitteln fördern. Gemüse auf dem Markt auswählen, beim Waschen oder Schneiden helfen (je nach Alter), eine Zubereitung umrühren: Diese Aktivitäten machen das Kind mit den Lebensmitteln vertraut, ohne Druck zur Konsumation. Spielerisches Kochen, außerhalb des Mahlzeitkontextes, entweiht die Nahrung.
- Eine entspannte und druckfreie Atmosphäre während der Mahlzeiten aufrechterhalten
- Regelmäßig neue Lebensmittel ohne Verpflichtung zum Probieren anbieten
- Die akzeptierten Lebensmittel gleichzeitig mit den neuen anbieten
- Jeden Fortschritt, auch wenn er klein ist, loben
- Das Kind in die Zubereitung der Mahlzeiten einbeziehen
- Die sensorischen Besonderheiten respektieren (Temperatur, Textur)
- Geduldig sein: Veränderungen brauchen Zeit
- Die Ansätze zwischen allen Erwachsenen konsistent halten
Die Präsentation anpassen
Die Präsentation der Lebensmittel kann deren Akzeptanz erleichtern oder blockieren. Einige Kinder bevorzugen Lebensmittel, die in getrennten Tellern serviert werden. Andere akzeptieren kleine Mengen besser als einen vollen Teller. Die Regelmäßigkeit der Präsentation (gleiche Form, gleiche Anordnung) gibt Sicherheit. Umgekehrt kann eine leichte Variation in der Präsentation eines akzeptierten Lebensmittels helfen, die Flexibilität zu entwickeln.
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Das Training "Ein Kind mit Autismus begleiten: Schlüssel und Lösungen für den Alltag" von DYNSEO behandelt viele Aspekte des Alltags, einschließlich der Ernährung. Es bietet konkrete Strategien, die auf die Besonderheiten autistischer Kinder abgestimmt sind, und hilft den Eltern, die zugrunde liegenden Mechanismen der Schwierigkeiten zu verstehen. Eine wertvolle Ressource, um Ihr Kind gelassen zu begleiten.
Das Training entdeckenDie sensorischen Aspekte managen
Das sensorische Profil identifizieren
Das Verständnis des sensorischen Profils des Kindes lenkt die Lebensmittelwahl. Ein Kind, das überempfindlich auf Berührung reagiert, bevorzugt möglicherweise glatte oder knusprige Texturen und vermeidet viskose oder körnige. Ein geschmacklich überempfindliches Kind reagiert intensiv auf starke Aromen. Diese Vorlieben zu identifizieren, ermöglicht es, Lebensmittel anzubieten, die eher akzeptiert werden, als erste Brücken zur Diversifizierung.
Die Sensorik außerhalb der Mahlzeiten trainieren
Sensorische Aktivitäten rund um das Essen, außerhalb des Mahlzeitkontextes, können helfen, Texturen und Empfindungen vertraut zu machen. Mit Knete spielen, verschiedene Materialien manipulieren, Matsche-Aktivitäten durchführen, bereitet das sensorische System vor. Diese nicht-nahrhaften Expositionen reduzieren die allgemeine sensorische Reaktivität und erleichtern anschließend die Nahrungsaufnahme.
"Jahrelang aß unser Sohn nur fünf Lebensmittel. Die Mahlzeiten waren ein Albtraum. Mit Hilfe einer spezialisierten Logopädin und viel Geduld haben wir sein Repertoire schrittweise erweitert. Heute akzeptiert er etwa zwanzig Lebensmittel. Das ist nicht viel, aber die Mahlzeiten sind zu friedlichen Momenten geworden. Und er macht weiterhin Fortschritte."
Die Ernährungsbalance sicherstellen
Mit den Einschränkungen umgehen
Während das Repertoire sich erweitert, muss die Ernährungsbalance mit den akzeptierten Lebensmitteln bestmöglich sichergestellt werden. Ein Ernährungsberater kann helfen, die Nährstoffaufnahme mit einer begrenzten Auswahl an Lebensmitteln zu optimieren. Vitaminpräparate können bestimmte Mängel ausgleichen, auf ärztliche Verschreibung. Das Ziel ist es, das Wachstum und die Gesundheit des Kindes zu erhalten, ohne zusätzlichen Druck auf die Mahlzeiten auszuüben.
Fallen vermeiden
Einige Strategien sind kontraproduktiv: Gemüse in anderen Lebensmitteln zu verstecken, könnte das Vertrauen zerstören, wenn das Kind es bemerkt; verhandeln ("Wenn du dein Gemüse isst, bekommst du ein Dessert") schafft eine Hierarchie, die die Lebensmittel "zum Essen für etwas" abwertet; Vergleiche mit anderen Kindern erniedrigen und erhöhen den Widerstand. Geduld und Positivität sind die besten Verbündeten.
COCO: Aktivitäten für die Pause
Das COCO PENSE und COCO BOUGE Programm von DYNSEO kann als Übergangsaktivität nach der Mahlzeit genutzt werden und schafft eine positive Routine. Die aktiven Pausen COCO BOUGE helfen auch bei der allgemeinen sensorischen Regulierung des Kindes. Ein ergänzendes Werkzeug, um den Alltag Ihres autistischen Kindes zu begleiten.
COCO entdecken💡 Ressourcen für weiterführende Informationen
Der DYNSEO-Leitfaden zur Begleitung autistischer Kinder bietet zahlreiche Strategien für den Alltag, einschließlich der Ernährung. Für Familien mit Jugendlichen oder Erwachsenen behandelt der Leitfaden zur Begleitung autistischer Erwachsener die Besonderheiten der Ernährung in fortgeschrittenen Altersstufen.
Fazit: Geduld und Fürsorglichkeit
Die selektive Ernährung autistischer Kinder ist eine Herausforderung, die viel Geduld und Durchhaltevermögen erfordert. Die Fortschritte sind oft langsam, aber sie sind möglich. Indem man die sensorischen und verhaltensbezogenen Ursachen versteht, das Tempo des Kindes respektiert und eine positive Umgebung rund um die Mahlzeiten schafft, kann man schrittweise das Nahrungsrepertoire erweitern.
Die Begleitung durch spezialisierte Fachleute (Logopäde für Oralität, Ernährungsberater, Ergotherapeut) kann wertvoll sein, insbesondere in schwereren Fällen. Die Kohärenz der Ansätze zwischen allen Erwachsenen, die das Kind begleiten (Eltern, Großeltern, Schule, Fachleute), verstärkt die Wirksamkeit der Strategien.
Über die Erweiterung des Repertoires hinaus ist das Ziel, dass die Mahlzeiten zu angenehmen Momenten werden und keine Stressquellen darstellen. Eine entspannte Beziehung zur Nahrung ist der beste Nährboden für eine zukünftige Offenheit gegenüber Lebensmitteln. Feiern Sie jeden kleinen Fortschritt und behalten Sie Vertrauen in das Entwicklungspotenzial Ihres Kindes.