Management der physischen Aggressivität in Einrichtungen: Sicher ohne Fixierung
Protokolle und Techniken zur professionellen und respektvollen Handhabung physischer Aggressivität, wobei die Sicherheit aller ohne Beeinträchtigung der Würde priorisiert wird
Physische Aggressivität bei Personen mit kognitiven Störungen stellt eine der gefürchtetsten und heikelsten Situationen in Einrichtungen dar. Schläge, Bisse, Kratzer, Schubsen: Diese Verhaltensweisen gefährden die Sicherheit der Pflegekräfte, die der anderen Bewohner und manchmal auch die der betroffenen Person selbst. Angesichts dieser Situationen kann die Versuchung groß sein, auf Fixierung zurückzugreifen, um "alle zu schützen". Doch die Fixierung, weit davon entfernt eine Lösung zu sein, wirft schwerwiegende ethische, rechtliche und therapeutische Probleme auf.
Die physische Aggressivität im geriatrischen Kontext verstehen
Bevor man eingreift, ist es entscheidend zu verstehen, dass physische Aggressivität bei einer Person mit kognitiven Störungen niemals eine bewusste Entscheidung ist, zu schaden. Es ist eine Abwehrreaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung, ein Ausdruck tiefen Leidens oder eine Manifestation von Hirnschäden, die die Impulskontrolle beeinträchtigen.
Die neurologischen Ursachen der Aggressivität
Bei neurodegenerativen Erkrankungen wie der Alzheimer-Krankheit oder frontotemporalen Demenzen sind bestimmte Bereiche des Gehirns, die für die emotionale Regulierung und das Verhaltenskontrolle verantwortlich sind, betroffen. Dies äußert sich durch:
Verlust der Hemmung
Die Person wechselt direkt von Gedanken zu Handlungen, ohne ihre Reaktion moderieren zu können. Die üblichen sozialen Filter funktionieren nicht mehr.
Hypersensibilität
Alltägliche Situationen (ein Berühren, ein Geräusch) werden als unerträgliche Bedrohungen wahrgenommen, die eine sofortige Abwehrreaktion erfordern.
Fehlinterpretation
Schwierigkeiten, die Absichten anderer zu interpretieren: Eine hilfsbereite Geste wird als Aggression wahrgenommen, ein wohlwollender Blick als Bedrohung.
Aktivierter Überlebensmodus
Angesichts des Unverständnisses der Situation aktiviert das Gehirn einen "Kampf-oder-Flucht"-Modus mit primärer und unkontrollierbarer Reaktion.
Häufige Auslöserfaktoren
Physische Aggressivität tritt selten ohne Grund auf. Die Identifizierung der Auslöser ermöglicht eine bessere Prävention und Handhabung dieser Situationen:
- Intime Hygienepflege: Körperpflege, Ankleiden, Windelwechsel werden als Eingriffe in die Intimität erlebt, die eine instinktive Abwehrreaktion zum Schutz des eigenen Körpers auslösen.
- Unentdeckte Schmerzen: Ein intensiver Schmerz, den die Person nicht verbal ausdrücken kann, äußert sich in einer aggressiven Reaktion gegenüber dem, der sich nähert - es ist ein "Berühre mich nicht, ich habe Schmerzen!" nonverbal.
- Angst und Verwirrung: Den Ort oder die Personen nicht erkennen, desorientiert in Zeit und Raum sein, erzeugt eine Panik, die sich in defensive Aggressivität verwandeln kann.
- Extreme Frustration: Die Unmöglichkeit, Bedürfnisse zu kommunizieren oder das zu tun, was man möchte, führt zu einer emotionalen Anspannung, die schließlich physisch explodiert.
- Halluzinationen und wahnhaftes Denken: Eindringlinge sehen, glauben, man wolle vergiftet werden, denken, man werde bestohlen, kann zu gewalttätigen Abwehrverhalten gegen diese wahrgenommenen Bedrohungen führen.
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Warum Fixierung nicht die Lösung ist
Bevor wir die Alternativen ansprechen, ist es wichtig zu verstehen, warum Fixierung - sei sie physisch (Bänder, Westen, Bettgitter) oder chemisch (übermäßige medikamentöse Sedierung) - so weit wie möglich vermieden werden sollte.
Die schwerwiegenden medizinischen Risiken der physischen Fixierung
⚠️ Gefahren der physischen Fixierung
- Kardiovaskuläre Risiken: Verschlechterung des Bluthochdrucks, tiefe Venenthrombosen aufgrund prolongierter Immobilisation, Gefäßkompression
- Atemrisiken: Aspirationspneumonien, Atemnot, wenn die Fixierung den Brustkorb komprimiert, Verringerung der Lungenkapazität
- Hautrisiken: Druckgeschwüre (Dekubitus), Hautverletzungen, Hämatome, in extremen Fällen: versehentliche Erstickung
- Muskel-Skelett-Risiken: Schneller Muskelabbau (Muskelatrophie), irreversible Gelenksteifheit (Ankylosen), schwere Stürze beim Lösen der Fixierung (Gleichgewichtsverlust)
- Beschleunigter kognitiver Rückgang: Immobilisation und Unterstimulation verschlechtern bestehende kognitive Störungen schnell und erheblich
- Erheblicher psychologischer Einfluss: Psychologisches Trauma, Verlust des Selbstwertgefühls, reaktive Depression, paradoxe Zunahme der Unruhe
Die chemische Fixierung (übermäßige Sedierung durch Neuroleptika oder Benzodiazepine) birgt ebenfalls spezifische Gefahren:
- Stürze aufgrund übermäßiger Sedierung und Gleichgewichtsverlust
- Verschlechterte Verwirrung (häufig paradoxen Effekt bei älteren Menschen)
- Iatrogene Parkinson-Syndrom (Steifheit, Zittern)
- Risiko von Schlaganfällen mit bestimmten Antipsychotika
- Gefährliche Arzneimittelwechselwirkungen
Die unvermeidlichen ethischen und rechtlichen Implikationen
Aus ethischer Sicht stellt die Fixierung einen schweren Eingriff in die grundlegenden Rechte des Menschen dar:
⚖️ Juristischer Rahmen für die Fixierung in Frankreich
Das französische Gesetz ist in diesem Punkt sehr klar. Die Fixierung darf nur als letztes Mittel eingesetzt werden und muss strenge Bedingungen erfüllen:
- Außergewöhnlicher Charakter: Nur im Falle einer unmittelbaren und schweren Gefahr für die Person oder andere, wenn alle anderen Alternativen gescheitert sind
- Begrenzte Dauer: Nur so lange wie unbedingt notwendig, niemals langfristig oder systematisch
- Ärztliche Verschreibung erforderlich: Schriftliche und begründete medizinische Entscheidung, regelmäßig neu bewertet
- Zustimmung oder kollektive Entscheidung: Suche nach der Zustimmung der Person, wenn möglich, andernfalls Entscheidung im interdisziplinären Team einschließlich der Familie
- Engmaschige Überwachung: Regelmäßige Überwachung des Zustands der Person, ständige Anpassung
- Vollständige Nachvollziehbarkeit: Präzise Dokumentation in der Krankenakte: Begründung, Dauer, Neubewertungen, beobachtete Effekte
Wichtig: Eine "Komfort"-Fixierung zur Erleichterung der Arbeit des Teams oder aufgrund von Personalmangel ist illegal und stellt eine institutionelle Misshandlung dar, die strafrechtlich verfolgt werden kann.
"Die Fixierung ist niemals harmlos. Es ist eine Freiheitsentziehung, die nur durch eine unmittelbare und schwere Gefahr gerechtfertigt werden kann. Unsere berufliche und ethische Verantwortung besteht darin, zuerst alle möglichen Alternativen zu suchen."
Präventive Strategien: Vor der Krise handeln
Das beste Management von physischer Aggressivität ist das, das sie verhindert. Ein gut durchdachter präventiver Ansatz kann bis zu 70% der gewalttätigen Vorfälle reduzieren.
Das tiefgehende Wissen über die Person: Ihr bestes Werkzeug
Je besser Sie die Person kennen - ihre Geschichte, ihre Gewohnheiten, ihre Auslöser, ihre Beruhigungsstrategien - desto besser können Sie riskante Situationen antizipieren und verhindern. Dieses Wissen muss formalisiert und mit dem gesamten Team geteilt werden.
📋 Erstellen Sie ein individuelles Verhaltensprofil
Für jeden Bewohner, der ein Risiko für Aggressivität aufweist, erstellen Sie ein detailliertes Blatt, das Folgendes umfasst:
- Vollständige Lebensbiografie: Ausgeübte Berufe, Interessen, prägende Ereignisse, Lebensgewohnheiten, Familienstruktur, wichtige Beziehungen
- Spezifische Vorzeichen: "Frau D. beginnt, ihr Taschentuch 5-10 Minuten vor einer Krise wiederholt zu falten und zu entfalten", "Herr B. starrt intensiv auf einen Punkt und antwortet nicht mehr auf Fragen"
- Identifizierte Auslöser: "Systematische Ablehnung der Dusche am Morgen, Akzeptanz am Nachmittag", "Wird aggressiv, wenn man sich von hinten nähert", "Kann den Lärm des Staubsaugers nicht ertragen"
- Validierte effektive Strategien: "Ein Spaziergang im Garten beruhigt Herrn B. in 5 Minuten", "Über seine Enkelkinder zu sprechen, lenkt Frau L. ab", "Ihm einen Gegenstand zum Halten (Stressball) zu geben, reduziert die Unruhe von Herrn R."
- Strategien, die unbedingt vermieden werden sollten: "Nie auf der Körperpflege mit Frau D. bestehen, wenn sie ablehnt - um 30 Minuten verschieben", "Herrn F. nicht anfassen, ohne ihn verbal gewarnt zu haben und seine Zustimmung zu erhalten"
- Referenzpflegekräfte: Mit wem ist die Person kooperativer? Warum? (sanfte Stimme, besondere Geduld, erinnert an einen Angehörigen...)
Dieses Blatt muss lebendig sein: nach jedem Vorfall aktualisiert, ergänzt durch die Beobachtungen aller Teammitglieder, leicht zugänglich (Pflegeakte, systematische mündliche Übermittlung).
Die Anpassung der physischen Umgebung
Eine Umgebung, die darauf ausgelegt ist, Stressfaktoren zu reduzieren, verringert erheblich das Risiko von Aggressivität. Prinzipien der therapeutischen Gestaltung:
- Reduzierung stressiger Reize: Sanfte und dimmbare Beleuchtung (aggressive Neonlichter vermeiden), ruhige Räume verfügbar, Begrenzung des Umgebungsgeräuschs (Fernseher in angemessenem Lautstärke, ruhige Gespräche), angenehme Temperatur (weder zu heiß noch zu kalt)
- Zugängliche Rückzugsräume: Sicherer Therapiegarten, in dem die Person umhergehen kann, Snoezelen-Raum mit beruhigenden sensorischen Stimulationen, Lese-/Ruhebereich mit bequemem Sessel, ruhige handwerkliche Aktivitäten
- Angemessene Beschilderung und visuelle Hinweise: Klare Piktogramme für Toiletten, Speisesaal, erleichtern die Orientierung, reduzieren Verwirrung und Angst, Farbcodes nach Etage oder Bereich, Fotos an den Zimmertüren
- Vertraute, beruhigende Gegenstände im Zimmer: Gut sichtbare Familienfotos, persönliche Möbel wenn möglich, Bettdecke vom Zuhause, bedeutungsvolle Gegenstände (altes Buch, Radio, wertvolles Sammlerstück), alles, was ein Gefühl von "Zuhause" schafft
Proaktive Verwaltung physiologischer Bedürfnisse und Schmerzen
Die Bedürfnisse vorherzusehen und Schmerzen zu behandeln, bevor sie unerträglich werden, ist eine oft vernachlässigte wichtige präventive Strategie:
- Regelmäßige Hydration und Ernährung: Warten Sie nicht, bis die Person Hunger oder Durst äußert (vielleicht kann sie das nicht mehr). Alle 2 Stunden Getränke anbieten, Snacks zwischen den Mahlzeiten
- Begleitung zur Toilette zu festen Zeiten: Unbehagen im Zusammenhang mit dem Bedürfnis zu urinieren oder Stuhlgang zu vermeiden, indem man systematisch alle 3-4 Stunden anbietet, auch wenn die Person nicht fragt
- Systematische Schmerzeinschätzung: Verwenden Sie Verhaltensskalen für nicht verbale Personen (Algoplus, Doloplus, ECPA). Beobachten: Grimassen, Stöhnen, Schutz eines Bereichs, Ablehnung des Berührtwerdens, Verhaltensänderung
- Präventive Schmerzbehandlung: Vor potenziell schmerzhaften Behandlungen (Körperpflege, Mobilisation, Verbandwechsel) eine präventive Schmerzbehandlung 30 Minuten vorher verabreichen, falls verschrieben
- Überwachung intercurrenter Erkrankungen: Harnwegsinfektionen, Verstopfung, Zahnprobleme können erhebliche Schmerzen verursachen, die sich in Aggressivität äußern
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Trotz aller präventiven Maßnahmen können Situationen physischer Aggressivität auftreten. Hier erfahren Sie, wie Sie professionell mit Sicherheit UND Respekt damit umgehen.
Phase 1: Früherkennung und sofortige Intervention
Sobald Sie die Vorzeichen erkennen (steigende verbale Unruhe, plötzliche Bewegungen, ausweichender oder fixer Blick, sichtbare Muskelanspannung, unruhiges Umhergehen), intervenieren Sie sofort, bevor es zu einer physischen Eskalation kommt:
Aktivität stoppen
Wenn eine Pflegehandlung die Unruhe auslöst, unterbrechen Sie sie sofort. Eine nicht dringende Pflege kann immer verschoben werden. Sicherheit hat Vorrang.
Distanz schaffen
Gehen Sie ein paar Schritte zurück (1,5-2m), um der Person Raum zu geben. Drängen Sie sie niemals ein. Der Raum verringert das Gefühl der Bedrohung.
Bedrohungsfreie Haltung
Hände sichtbar, Handflächen offen, leicht seitliche Position, entspannte Schultern, neutrales Gesicht. Ihr Körper kommuniziert: "Ich bin keine Bedrohung".
Beruhigende Kommunikation
Ruhige und gelassene Stimme: "Ich sehe, dass es Ihnen nicht gut geht. Ich gehe einen Schritt zurück. Ich bleibe hier, aber ich berühre Sie nicht mehr." Verbalisieren Sie Ihre Absichten.
Phase 2: Verbale und nonverbale Deeskalation
Ihre Kommunikation wird entscheidend sein. Wichtige Prinzipien:
- Beruhigender Ton: Ruhige Stimme, moderates Volumen, langsames Tempo. Erhöhen Sie NIEMALS die Stimme, auch wenn die Person schreit. Ihre ruhige Stimme hat eine regulierende Wirkung.
- Emotionale Validierung: "Ich sehe, dass Sie sehr wütend sind. Es ist gerade schwierig für Sie." Die Emotion anerkennen, ohne sie zu beurteilen.
- Positive Formulierungen: Keine "Schlagen Sie mich nicht", "Haben Sie keine Angst". Bevorzugen Sie: "Ich bin hier, um Ihnen zu helfen", "Sie sind hier sicher", "Wir werden gemeinsam eine Lösung finden".
- Vorschläge für einfache Alternativen: "Möchten Sie, dass ich [vertraute Person] anrufe?" oder "Möchten Sie in Ihr Zimmer gehen?" oder "Möchten Sie sich einen Moment setzen?" Ein Gefühl von Kontrolle geben.
- Atmung synchronisieren: Atmen Sie sichtbar langsam und tief. Die Person kann sich unbewusst an Ihrem ruhigen Atemrhythmus orientieren.
Phase 3: Physikalische Schutztechniken ohne Fixierung
Wenn physische Aggressivität unmittelbar bevorsteht oder bereits stattfindet, müssen Sie sich schützen, während Sie die Person respektieren. Schutztechniken, die in speziellen Schulungen gelehrt werden:
🛡️ Defensive Schutztechniken
Blockierungs- und Ausweichtechniken:
- Die Abwehr mit erhobenen Armen: Wenn die Person schlagen will, heben Sie Ihre Arme vor sich, Handflächen nach vorne, um den Schlag zu blockieren und gleichzeitig eine visuelle Barriere zu schaffen. Fassen Sie NIEMALS die Arme der Person an (das führt zur Eskalation).
- Der Seitenschritt: Bewegen Sie sich seitlich, um auszuweichen, anstatt zurückzuweichen (Sturzgefahr) oder voranzugehen (wird als Aggression wahrgenommen). Flüssige seitliche Bewegung.
- Barriere mit einem Objekt schaffen: Verwenden Sie ein Kissen, eine Decke oder sogar ein leichtes Möbelstück (Stuhl) als temporäre Barriere zwischen Ihnen und der Person. Keine Waffe, sondern ein Schutz.
- Schneller und sicherer Ausgang: Wenn Sie sich in einem geschlossenen Raum befinden, verlassen Sie diesen ruhig, aber schnell. Drehen Sie niemals den Rücken ganz zu - gehen Sie schräg hinaus und halten Sie den Blickkontakt.
Was man NIEMALS tun sollte (außer bei unmittelbarer Lebensgefahr):
- ❌ Die Person an den Armen, Handgelenken oder Kleidern festhalten, greifen oder zurückhalten
- ❌ Gegen eine Wand drücken, zu Boden werfen oder auf irgendeine Weise immobilisieren
- ❌ Körperbereiche (Hals, Brust, Gelenke) zusammendrücken oder komprimieren
- ❌ Physisch aus Reflex verteidigen (Schläge zurückgeben)
- ❌ Schreien, verbal bedrohen, einschüchtern
- ❌ Ein Objekt offensiv verwenden (auch defensiv)
Phase 4: Hilfe anfordern und koordinierte Teamverwaltung
Bleiben Sie NIEMALS allein in einer Situation physischer Aggressivität. Die Teamarbeit ist effektiver und sicherer:
- Sofortige Alarmierung: Verwenden Sie das Alarmsystem der Einrichtung (Notrufknopf, Mobiltelefon, Sprachruf "Hilfe Zimmer 12!"). Jede Einrichtung sollte ein klares und allen bekanntes Alarmprotokoll haben.
- Koordinierte Ankunft von Verstärkung: Die Ankunft mehrerer Pflegekräfte sollte ruhig und koordiniert erfolgen. Vermeiden Sie den "Kommando"-Effekt, bei dem mehrere Personen laufend und laut sprechen (verstärkt Angst und Aggressivität).
- Ein benannter Leiter: Eine einzige Person (in der Regel die zuständige Pflegekraft oder der Leiter) spricht und gibt Anweisungen. Die anderen beobachten, sind bereit einzugreifen, wenn nötig, aber bringen keine widersprüchlichen Stimmen ein.
- Vorsichtige Umgebungsstrategie: Wenn mehrere Pflegekräfte anwesend sind, niemals die Person vollständig umzingeln (Gefühl einer tödlichen Falle). Alle auf der gleichen Seite bleiben mit einem sichtbaren und freien Ausgang für die Person.
- Diskrete Teamkommunikation: Wenn eine Beratung erforderlich ist, tun Sie dies leise oder durch Gesten, nicht vor der Person, die dies als Verschwörung gegen sie interpretieren könnte.
Unverzichtbare institutionelle Protokolle
Jede medizinisch-soziale Einrichtung muss über klare, formalisierte und regelmäßig aktualisierte Protokolle zur Handhabung physischer Aggressivität verfügen. Dies ist nicht optional, sondern eine gesetzliche und ethische Verpflichtung.
Das Alarm- und gestufte Interventionsprotokoll
📢 Wesentliche Elemente des Alarmprotokolls
Wie alarmieren:
- Verwendetes System: Festnetz, Mobiltelefon, DECT, verbaler Code ("Code blau Zimmer 5")
- Wer vorrangig alarmiert werden soll: nahe Kollegen, Gesundheitsfachkraft, mobile Notfallteam, falls vorhanden
- Minimale Informationen, die übermittelt werden müssen: Ort, Art der Situation, Bedarf an Unterstützung
Wer eingreift und in welcher Reihenfolge:
- Stufe 1: Bezugspflegekraft des Bewohners (aufgebautes Vertrauensverhältnis)
- Stufe 2: Tandem von Pflegekräften, die in Deeskalationstechniken geschult sind
- Stufe 3: Gesundheitsfachkraft + zusätzliche Unterstützung, falls erforderlich
- Stufe 4: Koordinierender Arzt (medizinische Bewertung, Verschreibung falls notwendig)
Wann zu externen Rettungsdiensten eskalieren:
- Notruf des SAMU (15): Lebensbedrohliche Gefahr, schwere Verletzung, medizinische Notlage
- Notruf der Polizei (17): Extreme Gewalt außer Kontrolle, Gefährdung anderer, als letztes Mittel
Nach dem Vorfall:
- Sofortige Versorgung (bewohnende und verletzte Pflegekräfte)
- Unfallmeldung, falls erforderlich
- Deeskalation innerhalb der nächsten Stunde
- Strukturiertes Debriefing innerhalb von 48 Stunden
- Vollständige Dokumentation in den Akten
Das individualisierte Krisenmanagementprotokoll pro Bewohner
Für jeden Bewohner mit einem Risiko für Aggressivität muss ein spezifisches Protokoll erstellt und regelmäßig aktualisiert werden:
- Profil des Bewohners: Dokumentierte Frühwarnsignale, identifizierte und validierte Auslöser, detaillierte Historie der Krisen (Häufigkeit, Intensität, Kontext)
- Validierte personalisierte Strategien: Was speziell bei dieser Person funktioniert (verbale Ansprache, Ablenkung, Veränderung der Umgebung), was nicht funktioniert oder verschlechtert (unbedingt zu vermeiden)
- Klare Sicherheitsanweisungen: Muss immer mindestens zu zweit interveniert werden? Bestimmte Pflegehandlungen zu bestimmten Zeiten vermeiden? Bestimmte Pflegekräfte bevorzugen, mit denen die Person kooperativer ist?
- Notfallmedikation, falls verschrieben: Krisenmedikament, das vom Arzt verschrieben wurde (mit exakter Dosierung, Verabreichungsweg, maximaler Häufigkeit, Kontraindikationen), nur nach Misserfolg der nicht-medikamentösen Techniken
Das verpflichtende Fortbildungsprotokoll
Das Team muss regelmäßig und kontinuierlich geschult werden. Es ist kein "Plus", sondern eine gesetzliche Verpflichtung des Arbeitgebers:
- Erstausbildung für alle neuen Mitarbeiter: Im ersten Monat nach Ankunft, Schulung im Umgang mit aggressivem Verhalten, Durchsicht der Protokolle der Einrichtung, Identifizierung von Ressourcenpersonen
- Jährliche Auffrischung für alle: Aktualisierung des Wissens, praktische Übungen zu Schutztechniken (mit Dummy oder Rollenspielen), Analyse von realen Fällen, die im Jahr erlebt wurden
- Spezialisierte Schulung für Bezugspersonen: Für Pflegekräfte, die für schwierige Bewohner zuständig sind: vertiefte Schulung wie "Prävention und Umgang mit Gewalt" (3-5 Tage), "Humanitude", "Therapeutische Validierung", "Umgang mit Verhaltensstörungen"
- Regelmäßige Analyse der Praktiken: Monatliche oder zweiwöchentliche Sitzungen zur kollektiven Analyse schwieriger Situationen, moderiert von einem Psychologen oder externen Trainer
💝 Für Angehörige, die mit Aggressivität konfrontiert sind
Wenn Sie Angehöriger sind und Ihr Angehöriger manchmal körperlich aggressiv wird, erleben Sie eine äußerst schwierige und schmerzhafte Situation. Die Aggressivität eines geliebten Menschen kann traumatisierend sein und Ihre Fähigkeit in Frage stellen, weiterzumachen.

Unsere Schulung "Verhaltensänderungen im Zusammenhang mit der Krankheit: Praktischer Leitfaden für Angehörige" hilft Ihnen, die Aggressivität zu verstehen, sich zu schützen, ohne die emotionale Bindung zu verlieren, und vor allem, Ihre Grenzen zu erkennen und Hilfe zu suchen, bevor Sie in Gefahr sind.
Wichtig: Wenn Sie regelmäßig Opfer körperlicher Aggressivität sind, ist das nicht mehr tragbar. Sprechen Sie mit dem behandelnden Arzt, kontaktieren Sie die Alzheimer-Gesellschaft, ziehen Sie professionelle Hilfe zu Hause in Betracht oder eine vorübergehende Aufnahme in einer Einrichtung. Ihre Sicherheit zählt ebenfalls.
Die Schulung entdecken →Fazit: Sicherheit UND Würde, ein nicht verhandelbares Gleichgewicht
Die körperliche Aggressivität in Einrichtungen zu managen, ohne auf Fixierung zurückzugreifen, ist eine tägliche Herausforderung, die Professionalität, kontinuierliche Weiterbildung, Teamarbeit und starke institutionelle Unterstützung erfordert. Aber es ist eine Herausforderung, die nicht nur möglich, sondern notwendig und ethisch verpflichtend ist, um die grundlegenden Rechte der Menschen, die wir begleiten, zu achten.
Der Schlüssel liegt in einem ganzheitlichen und systemischen Ansatz, der Folgendes kombiniert:
- Intensive Prävention: Tiefgehendes Wissen über die Person, angepasstes Umfeld, proaktive Schmerz- und Bedarfsbewältigung, wertvolle Aktivitäten
- Solide und kontinuierliche Ausbildung: Kompetente Teams in Deeskalationstechniken, Schutz ohne Fixierung, therapeutische Kommunikation
- Klare und angewandte Protokolle: Institutionelle Verfahren, die allen bekannt sind, regelmäßig überprüft und verbessert werden
- Optimale Teamkoordination: Interdisziplinäre Zusammenarbeit, fließende Kommunikation, gegenseitige Unterstützung, regelmäßige Supervision
- Unterstützung für Pflegekräfte: Systematische Nachbesprechung, Anerkennung der Schwierigkeit der Arbeit, Zugang zu psychologischer Unterstützung, respektierte Rechte
- Kontinuierliche Neubewertung: Analyse jedes Vorfalls, Anpassung der Strategien je nach Ergebnissen, Kultur der kontinuierlichen Verbesserung
Niemand sollte zwischen Sicherheit und Freiheit wählen müssen. Kein Pflegekraft sollte täglich in Angst arbeiten müssen. Und keine Institution sollte Fixierung als einfache Lösung akzeptieren, wenn es Alternativen gibt, die wirksam sind.
Mit den richtigen Praktiken, den richtigen Werkzeugen, der richtigen Ausbildung und der richtigen Einstellung ist es möglich, Sicherheit zu gewährleisten, ohne zu behindern, zu schützen, ohne zu erniedrigen, einzugreifen, ohne die grundlegende Menschenwürde zu verletzen.
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Spezialisierte berufliche Ausbildung:
Methoden zur Bewältigung von Verhaltensstörungen - Zertifizierende Schulung mit Modul zu Alternativen zur Fixierung
Unterstützung für Angehörige:
Praktischer Leitfaden für Familien - Strategien zur Bewältigung von Aggressivität, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen
Präventionswerkzeug durch Aktivität:
EDITH - Angepasste kognitive Stimulation, um Langeweile, Frustration und aggressive Verhaltensweisen zu reduzieren
Denn jede Person, unabhängig von ihrem kognitiven oder Verhaltenszustand, verdient Respekt, Sicherheit und Würde. Ohne Kompromisse. 💙