Sensorische Ansätze in Institutionen für Autismus: Vollständiger Leitfaden
Wie man einen angepassten sensorischen Ansatz in Einrichtungen umsetzt: Bewertung der Profile, Gestaltung der Räume und Regulierungstrategien für das Wohlbefinden von autistischen Bewohnern.
In Institutionen stellt die sensorische Dimension eine große Herausforderung für die Lebensqualität von autistischen Menschen dar. Die gemeinsamen Räume, die vielfältigen Stimulationen und das kollektive Tempo erzeugen ständige sensorische Herausforderungen, die sich direkt auf das Wohlbefinden, die kognitive Verfügbarkeit und die Interaktionsfähigkeiten auswirken. Da über 90 % der autistischen Menschen von Besonderheiten in der sensorischen Verarbeitung betroffen sind, wird die Integration eines strukturierten sensorischen Ansatzes für jede spezialisierte Einrichtung unerlässlich. Dieser umfassende Leitfaden präsentiert das notwendige Wissen und konkrete Strategien zur Transformation des institutionellen Umfelds.
🧠 Verstehen der sensorischen Verarbeitung bei Autismus
Die sensorische Verarbeitung bezeichnet die Art und Weise, wie das Gehirn Informationen von unseren Sinnen empfängt, organisiert und interpretiert. Bei autistischen Menschen weist diese Verarbeitung oft Besonderheiten auf, die ihre Wahrnehmung der Welt verändern. Es geht nicht nur darum, „sensibel“ zu sein, sondern um eine andere neurologische Funktionsweise, die die sieben sensorischen Systeme beeinflusst: taktil, auditiv, visuell, gustatorisch, olfaktorisch, propriozeptiv und vestibulär.
Die Theorie der sensorischen Integration, die von der Ergotherapeutin Jean Ayres in den 1970er Jahren entwickelt wurde, erklärt, dass sensorische Schwierigkeiten die gesamte Entwicklung beeinflussen können: Motorik, Kognition, Verhalten, Emotionen. Wenn das Gehirn auf sensorischer Ebene überlastet oder unterstimulierend ist, verliert die Person die Verfügbarkeit, um andere Aufgaben zu erledigen. Das Verständnis dieser sensorischen Dimension ist der erste Schritt zu einem respektvollen Ansatz in Institutionen.
🎯 Die verschiedenen sensorischen Profile bei Autismus
Winnie Dunn, Forscherin in der Ergotherapie, hat ein Modell zur Verständnis der sensorischen Profile entwickelt, das auf zwei Dimensionen basiert: dem neurologischen Schwellenwert (hoch oder niedrig) und der Verhaltensreaktionsstrategie (passiv oder aktiv). Dieses Modell identifiziert vier Hauptsensorische Profile.
Hypersensibilität (Low Registration)
Hypersensible Personen haben einen niedrigen neurologischen Schwellenwert: Sie nehmen Stimulationen wahr, die andere nicht bemerken. Hintergrundgeräusche, fluoreszierendes Licht oder schwache Gerüche können überwältigend werden. In Institutionen sind diese Bewohner schnell erschöpft von lauten und multisensorischen Umgebungen wie Speisesälen oder Aktivitätsräumen.
Hyposensibilität (Sensation Seeking)
Hyposensible Personen haben einen hohen neurologischen Schwellenwert: Sie suchen aktiv nach intensiven Stimulationen, um ihren Körper und die Umgebung „zu spüren“. Sie können springen, verschiedene Texturen berühren, laute Geräusche erzeugen oder sich in wiederholenden Bewegungen engagieren. In Institutionen wird diese Stimulation oft missverstanden und als problematisches Verhalten interpretiert.
Schwache sensorische Diskrimination
Einige Personen haben Schwierigkeiten, sensorische Informationen fein zu diskriminieren: Sie haben Probleme, einen Ton im Raum zu lokalisieren, zwei ähnliche Texturen zu unterscheiden oder die Stärke einer Bewegung richtig einzuschätzen. Dies kann die Feinmotorik, die Koordination und das Verständnis ihrer Position im Raum beeinträchtigen.
Unwirksame sensorische Modulation
Modulation bezieht sich auf die Fähigkeit des Nervensystems, die Intensität seiner Reaktion auf Reize zu regulieren. Eine unwirksame Modulation führt zu unverhältnismäßigen Reaktionen: Eine Person kann von einem ruhigen Zustand zu einer schweren Krise aufgrund eines geringfügigen Reizes wechseln oder umgekehrt nicht ausreichend auf eine signifikante Stimulation reagieren. In Institutionen sind diese Schwankungen destabilisiert sowohl für die Bewohner als auch für das Personal.
Hypersensibilität
Niedriger Schwellenwert: schnelle Überwältigung durch gewöhnliche Stimulationen
Hyposensibilität
Hoher Schwellenwert: aktive Suche nach intensiven Stimulationen
Modulation
Schwierigkeiten bei der Regulierung der Intensität sensorischer Reaktionen
📊 Bewertung der sensorischen Bedürfnisse in Institutionen
Die sensorische Bewertung ist der Ausgangspunkt für eine angepasste Begleitung. Es gibt mehrere standardisierte Werkzeuge, um die sensorischen Profile zu identifizieren, von denen das am weitesten verbreitete in Frankreich das Sensorische Profil von Winnie Dunn ist. Dieses Werkzeug, das in der Regel von einem Ergotherapeuten durchgeführt wird, ermöglicht es, die sensorischen Besonderheiten in jeder Modalität zu quantifizieren und das Gesamtprofil der Person zu identifizieren.
Zusätzlich zu dieser standardisierten Bewertung ist die tägliche Beobachtung des Personals wertvoll. Ein einfaches Beobachtungsraster kann von Erziehern, Pflegekräften und Betreuern verwendet werden, um die Reaktionen auf verschiedene sensorische Situationen zu notieren: Mahlzeiten, Gruppenaktivitäten, Körperpflege, Bewegungen. Diese Beobachtungen ergänzen das sensorische Profil und ermöglichen es, die Begleitstrategien zu verfeinern.
💡 Vereinfachtes Beobachtungsraster
- Auditiv: Reaktionen auf Geräusche, Bedarf an Stille, Suche nach Geräuschen
- Visuell: Vermeidung oder Suche nach Licht, Empfindlichkeit gegenüber visuellen Bewegungen
- Taktil: Reaktionen auf Berührungen, Bekleidungspräferenzen, Suche oder Vermeidung von Kontakt
- Geschmack/Olfaktorisch: Essensauswahl, Reaktionen auf Gerüche
- Propriozeptiv: Suche nach tiefen Druck, intensive Bewegungen
- Vestibulär: Suche oder Vermeidung von Bewegungen, Gleichgewicht
🏢 Gestaltung der institutionellen Räume
Die sensorische Gestaltung der Räume ist ein wesentlicher Hebel zur Verbesserung des Wohlbefindens in Institutionen. Im Gegensatz zu Zuhause, wo die Person oder ihre Familie die Umgebung kontrolliert, erfordert die Institution gemeinsame Räume, die den unterschiedlichen sensorischen Bedürfnissen mehrerer Bewohner gerecht werden müssen.
Die „ruhige Ecke“ für sensorische Entspannung
Jeder Wohnraum sollte über eine ruhige Ecke verfügen, in die sich ein Bewohner bei sensorischer Überlastung zurückziehen kann. Diese Ecke, visuell abgegrenzt (Paravent, Teppich, leichte Trennwand), ist mit beruhigenden Elementen ausgestattet: Kissen, Gewichtsdecke, gedämpftes Licht, diskrete sensorische Spielmaterialien. Sie sollte jederzeit ohne vorherige Genehmigung zugänglich sein, was einen Wandel in der institutionellen Kultur voraussetzt.
Der Snoezelen-Raum
Die Snoezelen-Umgebung, die in den 1970er Jahren in den Niederlanden entwickelt wurde, ist ein kontrollierter multisensorischer Raum, in dem der Bewohner die Stimulationen auswählt, die er erkunden möchte (Lichter, Geräusche, Texturen, Gerüche). In Institutionen ermöglicht ein Snoezelen-Raum individualisierte sensorische Regulierungssitzungen. Die typische Ausstattung umfasst: Blasensäulen, Lichtfaser, Duftspender, sanfte Musik, verschiedene taktile Objekte, vibrierendes Material.
Anpassung des Speisesaals
Der Speisesaal ist oft ein Ort sensorischer Überlastung: Geräusche von Besteck und Gesprächen, vielfältige Gerüche, visuelle Stimulationen, physische Nähe. Um diese Belastung zu reduzieren, sind mehrere Anpassungen möglich: Akustikpaneele an der Decke, geräuschdämmende Tischdecken, Anordnung der Tische zur Schaffung individueller Räume, Möglichkeit, einige Mahlzeiten in einem separaten Raum einzunehmen, dimmbare Beleuchtung.
Zimmer und persönliche Räume
Das Zimmer sollte ein sensorischer Rückzugsort sein. Es ist entscheidend, jedem Bewohner zu ermöglichen, seinen Raum gemäß seinen sensorischen Bedürfnissen (Beleuchtung, minimale oder reiche Dekoration, Anordnung) zu personalisieren. Einige hypersensible Bewohner werden einen klaren und neutralen Raum schätzen, während andere hyposensible Bewohner eine visuell anregende Umgebung bevorzugen.
🎨 Prinzipien der sensorischen Gestaltung
- Modularität: Möglichkeit, Beleuchtung, Geräusche, Stimulationen anzupassen
- Unterschiedliche Zonen: Ruhige und stimulierende Räume klar identifiziert
- Ständige Zugänglichkeit: Ruhige Ecken ohne vorherige Anfrage verfügbar
- Personalisierung: Individuelle Anpassung der persönlichen Räume
- Vorhersehbarkeit: Klare visuelle Organisation zur Reduzierung von Angst
🎯 Strategien zur sensorischen Regulierung im Alltag
Über die Gestaltung der Räume hinaus stellen individuelle Strategien zur sensorischen Regulierung einen wesentlichen Bestandteil der Begleitung dar. Der „sensorische Regime“, ein Konzept, das von Patricia Wilbarger entwickelt wurde, besteht darin, den ganzen Tag über sensorische Aktivitäten anzubieten, die auf das Profil jeder Person abgestimmt sind, um ein optimales Wachstumsniveau aufrechtzuerhalten.
Für einen hyposensiblen Bewohner, der intensive Bewegungen benötigt, kann das sensorische Regime am Morgen propriozeptive Aktivitäten (Gewichte tragen, Wagen schieben, Widerstandsübungen) umfassen, regelmäßige motorische Pausen im Laufe des Tages (Trampolin, Schaukel, motorischer Parcours) und ruhige, aber sensorisch reiche Aktivitäten am Abend (Massage, Gewichtsdecke). Für einen hypersensiblen Bewohner wird das sensorische Regime Pausen in einem ruhigen Raum, die Verwendung eines Lärmschutzkopfhörers in lauten Umgebungen und Aktivitäten mit geringer sensorischer Belastung bevorzugen.
- Verfügbare Regulierungstools: Lärmschutzkopfhörer, sensorische Taschenobjekte (Fidgets), Gewichtsdecken, schwere Westen, getönte Brillen, sensorische Kautschuk
- Regulierungsaktivitäten: motorische Parcours, therapeutische Schaukel, sensorische Behälter, schwere motorische Aktivitäten, Massage, tiefer Druck
- Regulierungsräume: ruhige Ecke in jedem Wohnraum, Snoezelen-Raum, sensorischer Garten, Entspannungsraum
🎮 COCO DENKT und COCO BEWEGT: die kognitive-motorische Abwechslung zur Regulierung
Das Programm COCO DENKT und COCO BEWEGT von DYNSEO integriert auf natürliche Weise die sensorische Dimension durch die verpflichtende Abwechslung zwischen kognitiven und körperlichen Aktivitäten alle 15 Minuten. Diese Abwechslung ist besonders vorteilhaft für autistische Kinder, deren sensorische Regulierung durch Bewegung erfolgt.
Die körperlichen Aktivitäten von COCO BEWEGT bieten Möglichkeiten zur propriozeptiven und vestibulären Regulierung, die das Kind darauf vorbereiten, sich anschließend wieder auf die kognitiven Aktivitäten zu konzentrieren. Diese abwechselnde Struktur entspricht den Empfehlungen von Ergotherapeuten, die auf sensorische Integration spezialisiert sind und regelmäßige motorische Pausen empfehlen, um die Aufmerksamkeit und die kognitive Verfügbarkeit zu optimieren.
🎯 Entdecken Sie COCO DENKT und COCO BEWEGT
Ein Programm, das die sensorische Regulierung durch die Abwechslung zwischen kognitiven und körperlichen Aktivitäten auf natürliche Weise integriert.
Das COCO-Programm entdecken →☀️ Anwendung im institutionellen Alltag
Der sensorische Ansatz muss in jeden Moment des institutionellen Tages integriert werden. Die Schulung des Personals zielt darauf ab, ein dauerhaftes „sensorisches Bewusstsein“ zu entwickeln, das die Art und Weise verändert, wie im Alltag begleitet wird.
Der Aufstieg ist ein sensorisch heikler Moment: Übergang von Dunkelheit zu Licht, Geräusche des gemeinschaftlichen Lebens, Kontakt mit Wasser und Kleidung. Der geschulte Fachmann weiß, wie er den Rhythmus des Aufstehens anpassen, die Beleuchtung schrittweise modulieren und die taktilen Empfindlichkeiten bei der Körperpflege respektieren kann. Die Mahlzeit ist ein weiterer kritischer Moment: Geräusche im Speisesaal, vielfältige Gerüche, Nahrungsmitteltexturen, physische Nähe zu anderen. Die Anpassung der Umgebung (Tisch abseits, wenn nötig, sanfte Musik, Wahl des Platzes) und der Essgewohnheiten (Respektierung sensorischer Abneigungen, angepasste Präsentation) gehört zur Kompetenz des geschulten Teams.
Die DYNSEO-Leitfäden für die Begleitung autistischer Kinder und die Begleitung autistischer Erwachsener bieten ergänzende Strategien zur Integration des sensorischen Ansatzes in die umfassende Begleitung.
🎓 Ausbildung mit DYNSEO
DYNSEO bietet eine zertifizierte Ausbildung nach Qualiopi „Ein Kind mit Autismus begleiten: Schlüssel und Lösungen im Alltag“, die die sensorische Dimension des Autismus und die Strategien zur Anpassung der Umgebung behandelt.
🎓 Entwickeln Sie Ihren sensorischen Ansatz
Zertifizierte Ausbildung nach Qualiopi, um die sensorischen Profile zu verstehen und Ihre institutionelle Umgebung anzupassen.
Die Ausbildung entdecken →🎯 Fazit
Der sensorische Ansatz ist ein wesentlicher Hebel zur Verbesserung der Institutionen, die Menschen mit Autismus begleiten. Indem das gesamte Personal geschult wird, um die sensorischen Profile zu verstehen, die Räume gestaltet und Strategien zur Regulierung in den Alltag integriert werden, schaffen die Einrichtungen eine Umgebung, in der die Bewohner ruhiger, verfügbarer und autonomer sind. Die kognitive-motorische Abwechslung, die von COCO DENKT und COCO BEWEGT angeboten wird, fügt sich natürlich in diesen umfassenden sensorischen Ansatz ein.
Der sensorische Ansatz ist keine Spezialität, die nur Ergotherapeuten vorbehalten ist: Es ist eine Perspektive, die jeder Fachmann auf die Umgebung und die Menschen, die er begleitet, einnehmen sollte. Das gesamte Team zu schulen bedeutet, die institutionelle Kultur zu transformieren, damit sie diese wesentliche Dimension des Wohlbefindens autistischer Menschen dauerhaft integriert.
Eine angepasste sensorische Umgebung:
Die erste Bedingung für Wohlbefinden und Verfügbarkeit.