Was man nicht misst, kann man nicht verhindern. Die Bewertung des Sturzrisikos ist der Ausgangspunkt jeder ernsthaften Präventionsmaßnahme — und dennoch bleibt sie in vielen Pflegeheimen entweder aus oder wird auf einen nie wieder bewerteten Aufnahmewquestionnaire reduziert. Dieser praktische Leitfaden präsentiert die verfügbaren Werkzeuge, deren konkrete Anwendung und wie Pflegekräfte und interdisziplinäre Teams sie in ihre tägliche Praxis integrieren können.

1. Warum bewerten — und nicht nur beobachten

Klinische Beobachtungen sind wertvoll. Aber sie reichen nicht aus. Zwei Hauptgründe : Erstens ist die informelle Beobachtung subjektiv und variiert je nach Pflegekraft — zwei Pflegehelfer können dieselbe Person beim Gehen beobachten und zu sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. Zweitens erkennt das ungeübte Auge oft die Risikosignale zu spät — wenn die Situation bereits ernst ist — während ein standardisiertes Werkzeug sie früher erkennen kann.

Die strukturierte Bewertung des Sturzrisikos hat mehrere ergänzende Funktionen : Identifizierung von Bewohnern mit hohem Risiko zur Anpassung der Überwachung und Pflege, Dokumentation des Risikoniveaus in der Akte zur Ermöglichung der Kommunikation zwischen den Teams, Messung der Risikoveränderung im Zeitverlauf zur Erkennung von Verschlechterungen und Bereitstellung einer gemeinsamen Basis für das interdisziplinäre Team zur Priorisierung der Interventionen.

2. Wann bewerten: die entscheidenden Momente

✦ Die Momente, die eine Bewertung oder Neubewertung auslösen

  • Bei der Aufnahme — systematisch, innerhalb von 48 bis 72 Stunden, um ein Basisrisikoniveau festzulegen
  • Nach einem Sturz — unabhängig davon, ob eine Verletzung vorliegt oder nicht, um die Umstände zu verstehen und den Präventionsplan anzupassen
  • Nach jeder Hospitalisierung — die Rückkehr aus dem Krankenhaus ist eine Phase mit sehr hohem Risiko (Dekonditionierung, neue Medikamente, Umgebung neu gewöhnen)
  • Nach einer Veränderung des Gesundheitszustands — neuer Infektionsschub, Herzinsuffizienz, Verwirrungszustand, Einführung eines neuen Medikaments
  • Periodische Neubewertung — mindestens alle 6 Monate für Bewohner mit moderatem Risiko, alle 3 Monate für Bewohner mit hohem Risiko
  • Wenn das Team eine Veränderung beobachtet — eine veränderte Vorgehensweise, eine aufgegebene Hilfsmittel, erhöhte Sedentarisierung

3. Die validierten Bewertungsbögen

Mehrere Werkzeuge zur Bewertung des Sturzrisikos sind wissenschaftlich validiert und werden in der klinischen Praxis verwendet. Sie sind nicht austauschbar — jedes hat seine Stärken, seine Grenzen und seine Zielgruppe. Im Pflegeheim sind die drei relevantesten Werkzeuge die Morse-Skala, der Timed Up and Go-Test und die Tinetti-Skala.

🟢 Geringes Risiko

Standardüberwachung, Basisprävention, periodische Neubewertung

🟡 Moderates Risiko

Individualisierter Präventionsplan, vierteljährliche Neubewertung, interdisziplinäre Intervention

🔴 Hohes Risiko

Intensiver Präventionsplan, verstärkte Überwachung, monatliche Neubewertung, Tragen von Hüftschutz zu besprechen

4. Die Morse-Skala: die am häufigsten verwendete im Pflegeheim

Referenzwerkzeug Pflegeheim

Morse-Skala (Morse Fall Scale)

Die Morse-Skala bewertet 6 Elemente, die jeweils nach einer bestimmten Skala bewertet werden : Sturzgeschichte in den letzten 3 Monaten (nein = 0, ja = 25), sekundäre Diagnose (nein = 0, ja = 15), Gehhilfe (keine/Bettlägerigkeit/Stuhl = 0, Krücken/Stock/Gehhilfe = 15, stützt sich auf Möbel = 30), laufende IV-Infusion (nein = 0, ja = 20), Gang (normal/Bettlägerigkeit/immobil = 0, schwach = 10, verändert = 20), geistiger Zustand (bewusst über seine Fähigkeiten = 0, überschätzt/vergisst seine Grenzen = 15).

Interpretation : Punktzahl 0–24 = geringes Risiko. Punktzahl 25–44 = moderates Risiko. Punktzahl ≥ 45 = hohes Risiko. Einfach zu administrieren (weniger als 5 Minuten), erfordert keine spezielle Ausrüstung, kann von jedem geschulten Teammitglied durchgeführt werden.

5. Der Timed Up and Go-Test (TUG)

Funktionstest — Mobilität und Gleichgewicht

Timed Up and Go (TUG)

Der TUG misst die Zeit, die eine Person benötigt, um von einem Stuhl mit Armlehnen aufzustehen, 3 Meter zu gehen, sich umzudrehen, zurückzukehren und sich wieder hinzusetzen. Er benötigt nur eine Stoppuhr, einen Standardstuhl und einen 3 Meter langen Flur.

Interpretation : Weniger als 12 Sekunden = normale Mobilität, geringes Risiko. Zwischen 12 und 20 Sekunden = moderates Risiko, Überwachung empfohlen. Mehr als 20 Sekunden = hohes Risiko, Intervention erforderlich. Mehr als 30 Sekunden = Abhängigkeit bei Transfers, sehr hohes Risiko. Ideal zur Bewertung des Fortschritts nach der Rehabilitation — der TUG kann regelmäßig wiederholt werden, um die Entwicklung zu messen.

6. Die Tinetti-Skala

Feinbewertung — Gleichgewicht und Gang

Tinetti-Skala (POMA — Performance-Oriented Mobility Assessment)

Die Tinetti-Skala ist umfassender, aber auch länger in der Durchführung (15–20 Minuten). Sie bewertet zwei Komponenten : statisches Gleichgewicht (9 Elemente — Gleichgewicht im Sitzen, Aufstehen von einem Stuhl, Gleichgewicht im Stehen, Gleichgewicht bei einem Druck auf die Brust...) und Gang (7 Elemente — Initiierung, Schrittweite und -höhe, Symmetrie, Kontinuität, Richtung, Rumpfstabilität, Schrittbreite). Gesamtscore von 28.

Interpretation : Score ≥ 24 = geringes Risiko. Score 19–23 = moderates Risiko. Score < 19 = hohes Risiko. Besonders nützlich zur Identifizierung spezifischer Komponenten, die in der Physiotherapie bearbeitet werden müssen.

7. Die tägliche klinische Beobachtung: ein unterschätztes Werkzeug

Standardisierte Werkzeuge sind wertvoll — aber sie erfassen nur einen Moment. Die tägliche Beobachtung durch nahe Pflegekräfte — Pflegehelfer, Krankenschwestern, Servicekräfte — ist eine unersetzliche Informationsquelle über die Entwicklung des Risikos zwischen zwei formellen Bewertungen.

Was nahe Pflegekräfte beobachten und melden können : Veränderung in der Schrittweite oder Geschwindigkeit, zunehmende Tendenz, sich auf Möbel oder Wände zu stützen, Zögern beim Überqueren von Schwellen oder beim Wechsel vom Stuhl zum Sessel, Weigerung, die üblicherweise verwendete Gehhilfe zu benutzen, Schwindel beim Aufstehen oder bei Positionswechseln, geänderte Schuhe (Tragen von Socken oder Hausschuhen anstelle der üblichen Schuhe), ungewöhnliche Müdigkeit bei Mobilisationen.

Diese Beobachtungen sind nur dann nützlich, wenn sie übermittelt und dokumentiert werden. Eine Pflegekraft, die bemerkt, dass ein Bewohner „heute anders geht“ und dies nicht der Krankenschwester mitteilt, hat eine Präventionsmöglichkeit verpasst. Die Kultur der Übermittlung funktionaler Beobachtungen — nicht nur von Ereignissen (Stürze, Schmerzen), sondern auch von Tendenzen und schrittweisen Veränderungen — ist ein mächtiger Hebel zur Prävention.

8. Das medikamentöse Risiko bewerten

Medikamenteninduziertes Risiko ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Stürze — und einer der am meisten veränderbaren. Die Bewertung des medikamentösen Risikos sollte integraler Bestandteil der umfassenden Bewertung des Sturzrisikos sein.

✦ Besonders zu überwachende Medikamente

  • Benzodiazepine und verwandte Stoffe — Schlafmittel, Anxiolytika : verlangsamen die Reflexe, erhöhen die Tagesmüdigkeit und das Risiko nächtlicher Stürze
  • Antihypertensiva und Diuretika — Risiko einer orthostatischen Hypotonie, insbesondere beim Aufstehen
  • Antidepressiva — einige erhöhen das Sturzrisiko, insbesondere trizyklische Antidepressiva und hochdosierte SSRIs
  • Neuroleptika und Antipsychotika — extrapyramidale Effekte (Steifheit, Zittern), Sedierung
  • Antidiabetika — Risiko einer hypoglykämischen Episode
  • Polypharmazie — über 4 Medikamente steigt das Sturzrisiko unabhängig von den spezifischen Molekülen

💡 Der Reflex, den man haben sollte. Bei jeder neuen Verschreibung oder Änderung der Behandlung kann die Pflegekraft systematisch überprüfen, ob das eingeführte oder erhöhte Medikament in den Risikoklassen enthalten ist. Es ist nicht ihre Aufgabe zu entscheiden — das ist die Aufgabe des Arztes — aber es ist ihre Aufgabe, zu alarmieren und in den Tagen nach einer Änderung der Behandlung genauer zu überwachen.

9. Die Nachsturzbewertung: diesen Moment nicht verpassen

Die Nachsturzbewertung ist eine der wichtigsten — und eine der am häufigsten vernachlässigten. Wenn ein Bewohner stürzt, richtet sich die Energie des Teams natürlich auf die sofortige Bewältigung des Ereignisses (Wundversorgung, Arzt rufen, Information an die Familie). Die reflexive Rückschau auf die Umstände und Faktoren des Sturzes wird oft aufgeschoben, vergessen oder auf eine Zeile im Übertragungsbuch reduziert.

Diese Bewertung ist jedoch wertvoll : Ein Sturz ist eine klinische Information. Sie sagt etwas über den Bewohner, über seine Umgebung, über die Pflege, die ihm zuteilwurde. Sie nicht zu analysieren, bedeutet, diese Information zu verschwenden.

📋 Analysebogen nach dem Sturz
Die Fragen, die man sich nach jedem Sturz stellen sollte

Umstände : Wo? Wann (Uhrzeit, Tages- oder Nachtzeit)? Was hat der Bewohner gemacht? War jemand bei ihm?

Mechanismus : Mechanischer Sturz (Hindernis, rutschiger Boden) oder intrinsischer Sturz (Unwohlsein, Schwindel, plötzliche Muskelschwäche)? Erinnern sich die Bewohner daran?

Beitragsfaktoren : Tragen der richtigen Gehhilfe? Ausreichende Beleuchtung? Angemessene Schuhe? Kürzliche Änderung der Behandlung? Kürzlicher Krankheitsfall?

✦ Was folgen muss

Aktualisierung des Risikoscores. Überprüfung des Präventionsplans, falls erforderlich. Information der Familie. Teamreflexion über Korrekturmaßnahmen. Bei Wiederholung innerhalb von 30 Tagen : systematische interdisziplinäre Bewertung.

10. Auf eine interdisziplinäre Bewertung hin

Die Bewertung des Sturzrisikos ist effektiver, wenn sie interdisziplinär ist. Jeder Fachmann bringt einen ergänzenden Blickwinkel ein : Der koordinierende Arzt bewertet die medizinischen und medikamentösen Faktoren, der Physiotherapeut bewertet die motorischen Fähigkeiten und das Gleichgewicht, der Ergotherapeut bewertet die Hilfsmittel und die Umgebung, die Pflegekraft koordiniert die Informationen und sorgt für die Nachverfolgung, die Pflegehelfer bringen die tägliche Beobachtung ein.

Das interdisziplinäre Synthesetreffen — mindestens halbjährlich für Bewohner mit moderatem Risiko, vierteljährlich für Bewohner mit hohem Risiko — ist der geeignete Raum, um diese Blickwinkel zu kreuzen, die Präventionspläne zu überprüfen und die prioritären Interventionen zu bestimmen. Es setzt voraus, dass jeder Fachmann seine Beobachtungen im gemeinsamen Dokumentationssystem festgehalten hat — eine notwendige Bedingung, damit die Synthese wirklich interdisziplinär ist und nicht nur eine Abfolge von Monologen.

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